Heimkehr eines verlassenen Jungen

Er wachte um halb sechs Uhr auf. Er duschte sich und bereitete sich für den Tag vor. Er rasierte sich mit mehr Nachdruck als nötig. Er wollte gut aussehen, als ob es Leute gäbe, die er hätte beeindrucken wollen. Zum Frühstück trank er nur eine Tasse Kaffee. Später würde er darüber witzeln, dass er schon vorher einen Schluck Luft gegessen hatte und nicht hungrig war. Er ließ seine Kaffeepresse da und schloss die Tür seines Hauses ab. Er rannte zum Taxi, das auf ihn wartete.

Im Flugzeug benutzte er sein iPhone, sodass Leute ihn nicht stören würden. Er hustete als die anderen an ihm vorbeigingen, um den Mittelsitz frei zu halten. Er verachtete die anderen Passagiere. Er blickte finster. Er wollte mit niemandem sprechen, denn es verschlechterte den Stress seiner Situation. Er bedauerte, dass man sich bei manchen Fluglinien nur auf seinen vorbestimmen Platz setzen darf, dass manche Leute solche Linien wählen würden, dass manche Kinder mitbrachten, dass er diese drei Stunden–

“Ist dieser Platz noch frei?” Eine fette, geschmückte Hand stieß ihn an.

Am Ende musste er zwischen dieser Frau und zwei Teenagern sitzen. Ein Baby, das unaufhörlich popelte, saß vor ihm. Es starrte ihn an–sein kleiner Kopf war unnatürlich verbogen. Seine Mutter beschäftigte sich mit ihren Zeitschriften. Das Baby bohrte in der Nase und starrte den Mann an. Er nahm sein Macbook heraus, um damit beschäftigt auszusehen. Er öffnete das E-Mail Programm. Die Teenager sprachen.

“Hast du diesen Witz je gehört? Sag mir mal was Hitlers Telefonnummer war!”

Unser Mann versuchte sich zu konzentrieren. Der andere sagte nichts.

“NEIN! NEIN! NEIN! NEIN! NEIN!”

“Kann ich Ihnen etwas zum Trinken anbieten? Möchten Sie was zu trinken?”

“Sei so lieb und bestell mir doch ein Coca-Cola, mein Knabe” flüsterte ihm die dicke Hand rechts zu.

Er versuchte nochmals sich zu konzentrieren. Er hätte lieber ganz einfach mit diesem Flugzeug, mit dem Leben von irgendjemandem verschmelzen wollen, als im Flugzeug bei diesen Leuten in Tränen zu zerfließen. Er wurde überwältigt von der Vergangenheit, davon, was ihm passiert war, von der Einladung seiner Familie, die ihn siebzehn Jahre vorher im Stich gelassen hatte. Wenn er doch nur diese Einladung ignoriert hätte! Solche beklemmenden Gefühle, dass er diesen finsteren Gedanken nochmals erlag, ärgerte ihn. Dass er ihre Coca-Cola noch nicht bestellt hatte, ärgerte sie.

Sie landeten. Die Passagiere standen alle auf, außer unserem Mann, der nicht verstand, wieso alle aufstehen, ohne auf die Tür zugehen zu können. Einer von den zwei Teenagern rülpste. Die ungeduldige Frau war ihm auf den Fersen. Das Baby begaffte ihn. Die Tür wurde geöffnet. Sie stiegen aus. Er ging den Sicherheitskorridor entlang. Er kam zu einer Wartezone. Da war seine Familie.